Gesellschaftliche Verantwortung

Ausgangslage

Der Fußball ist in unserer Gesellschaft fest verankert. Daraus erwächst für uns eine große Verantwortung.

Mit diesen Worten wird DFB-Präsident Fritz Keller Mitte August auf der Internetseite des DFB zitiert. Dem Fußball kommt zweifelsohne eine identitätsstiftende Rolle zu; er ist Lebensinhalt, Bezugs- und Zusammenhaltsgröße. Dieser viel zitierten Verantwortung wird der Fußball jedoch viel zu selten gerecht. Menschenrechte spielen bei neuen Kooperationen, wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle. Einen vielfältigen und inklusiven Fußball gibt es häufig nur auf dem Papier. Die Arbeitsbedingungen der rund um den Fußball beschäftigten Menschen sind oftmals prekär. Ökologische Aspekte werden höheren Gewinnmargen untergeordnet, während im Jugendbereich der Fokus nicht unbedingt auf der ganzheitlichen Entwicklung der Jugendspieler*innen liegt.

Es ist an der Zeit, dass der Fußball sich dieser Verantwortung annimmt. Die Zeit der Ausreden muss endgültig vorbei sein. Worthülsen reichen nicht mehr aus. Vielmehr sind alle Akteur*innen des Fußballs nun aufgerufen, den vollmundigen Worten auch Taten folgen zu lassen. Hierzu haben wir uns in den letzten Monaten intensiv mit dem Aspekt der gesellschaftlichen Verantwortung des “Systems Fußballs” auseinandergesetzt. Dabei wurde deutlich, dass es vielerorts zwar gute Projekte gibt, es aber an Strukturen und bundes- bzw. ligaweiten Mindeststandards fehlt, um die gesellschaftliche Verantwortung des Fußballs weiter zu stärken.

Herangehensweise

Das breite Feld der gesellschaftlichen Verantwortung des Fußballs haben wir in folgende sieben Themenfelder unterteilt:

In jedem dieser Themenfelder geben ein bis zwei Ziele eine klare Richtung für notwendige Reformen vor. Mit Vorschlägen für konkrete Maßnahmen zeigen wir auf, was aus unserer Sicht notwendig ist, um diese Ziele zu erreichen. Die einzelnen Maßnahmen sind aufgrund des breiten Themenfeldes hinsichtlich ihrer Ausarbeitung unterschiedlich konkret. Zudem kann man die Liste an Maßnahmen sicherlich noch erweitern. Wir freuen uns daher auf weitere konkrete Ansätze und weiterführende Diskussionen.

Lösungsansätze

Im Folgenden stellen wir sowohl die Ziele als auch die wichtigsten Maßnahmen für die jeweiligen Themenfelder vor. Eine vollständige Liste aller Vorschläge samt Erläuterungen sind in der ausführlichen Langfassung zu finden, die am Ende dieser Seite heruntergeladen werden kann.

Strukturen für gesellschaftliche Verantwortung

Unser Ziel:

Der Fußball und seine Akteur*innen schaffen Strukturen, mit denen sie ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen.

Wir empfehlen folgende Maßnahmen:

  • Code of Conducts sollen zukünftig einen Beitrag zur Einhaltung der gesellschaftlichen Verantwortung leisten, indem hohe Standards für ethisches Verhalten festgelegt werden. Darin sollen beispielsweise klare Regelungen zur Vermeidung von Interessenskonflikten und zum Umgang mit Zuwendungen zur Verhinderung von Korruption getroffen werden. Damit diese auch konsequent durchgesetzt werden können, schlagen wir die Einrichtung von Hinweisgeber*innensystemen vor.
  • Ein verpflichtendes Interessenregister für alle Funktionsträger*innen innerhalb der Vereine und Verbände. In diesem sind alle sonstigen Tätigkeiten, Mitgliedschaften, Ämter und Funktionen offenzulegen.
  • Um das strukturelle Nachhaltigkeitsmanagement zu verbessern, wird die “sustainclub” Zertifizierung künftig Lizenzierungsvoraussetzung in der DFL.
  • Zur Erhöhung der Transparenz schlagen wir eine verpflichtende Nachhaltigkeitsberichterstattung für Vereine der DFL nach festgelegten Standards vor (z. B. durch die Gemeinwohlbilanz oder Global Reporting Initiative)
  • Als Mindestanforderung sollte es in den Vereinen der DFL künftig eine*n CSR-Verantwortliche*n geben, der*die mit entsprechender Entscheidungsbefugnis ausgestattet ist. Nachhaltigkeit muss zukünftig auch ganzheitlich gedacht und in alle Aspekte des Managements integriert werden

Vielfalt und Inklusion

Unsere Ziele:

  • Vereine und Verbände setzen sich für einen inklusiven und vielfältigen Fußball ein.
  •  Der Fußball bildet Vielfalt in den Verbands- und Vereinsstrukturen ab.

Wir empfehlen unter anderem folgende Maßnahmen:

  • Einrichtung einer unabhängigen, bundesweiten Antidiskriminierungsstelle im Fußball (Vorbild:Antidiskriminierungsstelle des Bundes); vor allem über den Ausbau bereits bestehender Angebote/Kooperationen.
  • Einführung eines verbindlichen, vielfaltsorientierten Besetzungsprozesses für ehren- und hauptamtliche Führungsgremien der Vereine und Verbände.
    • Definition von verbindlichen Maßnahmen und Jahreszielen zur Erreichung des EU-Ziels von mind. 40% Frauen in Führungsgremien von Sportverbänden (und Vereinen) bis 2030.
  • Ermöglichung eines unbeschwerten Stadionbesuchs für alle. Zum Beispiel durch:
    • Ausbau barrierefreier Stadioninfrastruktur und -services in allen Bereichen.
    • Herstellung von Wahlfreiheit durch Ausweisung von Plätzen für Rollstuhlnutzer*innen und mobilitätseingeschränkte Personen in allen Bereichen des Stadions.
    • Audiodeskriptive Reportage der Spiele sowie Stadionansagen und Stadionunterhaltungsprogramme mit Live-Untertiteln und/oder Gebärdensprache auf Leinwand.
    • und viele weitere 
  • Stärkung des Bewusstseins für Vielfalt und Inklusion. Zum Beispiel durch:
    • (Bildungs-)Projekte zur kritischen Auseinandersetzung mit eigenen Vorurteilen und Formen von Diskriminierung aufgrund von sozialer oder ethnischer Herkunft, Alter, Behinderung, Geschlecht, sexueller Orientierung und Religion oder Weltanschauung.
    • Alle Profivereine organisieren Erinnerungsarbeit für Fans, Mitarbeiter*innen, Sportler*innen und Sponsoren.
    • und viele weitere 
  • Vereine achten darauf bei Merchandise und ihrer kommunikativen Außendarstellung keine Geschlechter- und andere Stereotypen zu produzieren.
  • DFL und DFB entwickeln ein Konzept, das Verbänden und Vereinen Hilfestellung bietet, wie sie Vielfaltgrundsätzlich stärken können.

Ökologische Nachhaltigkeit

Unsere Ziele:

  • Der Fußball leistet seinen Beitrag zur Erreichung des 1,5 Grad-Ziels des Pariser Klimaschutzabkommens und wird klimaneutral.
  • Der Fußball kommt seiner ökologischen Verpflichtung umfassend nach und nimmt sich Aspekten wie bspw. Umweltschutz, Biodiversität und Kreislaufwirtschaft an.

Wir empfehlen folgende Maßnahmen:

  • Bekenntnis zum und Einhaltung des 1,5 Grad-Ziels des Pariser Klimaschutzabkommens durch Vereine und Verbände:
    • Verpflichtende Erstellung von CO2-Bilanzen
    • Bekenntnis zu wissenschaftsbasierten CO2-Reduktionspfaden durch Beitritt zur Science Based Targets Initiative
    • Kompensation aller nicht vermeidbarer Emissionen (mindestens Scope 1 und Scope 2 Emissionen)
  • Die DFL und ihre Mitgliedsvereine unterzeichnen das UN Sports for Climate Action Frameworks.
  • Erarbeitung übergreifender Mindeststandards im Umweltmanagement (z. B. im Bereich Abfallvermeidung durch Mehrwertbecher).
  • Erarbeitung von Konzepten mit allen Stakeholdern zur klimafreundlichen Mobilität an Spieltagen.

Sozialökologische Beschaffung

Unser Ziel:

Ökologische und soziale Kriterien finden bei Einkauf und Beschaffung Berücksichtigung; dies gilt insbesondere auch für den Vertrieb von Merchandising-Produkten.

Wir empfehlen folgende Maßnahmen:

  • Die Vereine und Verbände erarbeiten einen Code of Conduct, um künftig strenge Kriterien der sozialökologischen Beschaffung zu berücksichtigen.
  • Verbindliche Offenlegung der Lieferketten von Merchandise-Produkten in der Produktbeschreibung in den Shops.
  • Spätestens zur Saison 2025/26: Spielkleidung, Trainingsbekleidung und genutzte Bälle müssen nachhaltig produziert und fair gehandelt sein. 

Arbeitsbedingungen

Unser Ziel:

Der Fußball setzt sich für gute Arbeitsbedingungen für alle ein, insbesondere in den Vereins- und Verbandsstrukturen.

Wir empfehlen folgende Maßnahmen:

  • Vereine und Verbände erarbeiten eine Selbstverpflichtung, sich für gute Arbeitsbedingungen einzusetzen.
  • Vergabe von Aufträgen wie bspw. Catering, Reinigung und Ordnungsdienst sowie Einkauf und Beschaffung möglichst an Unternehmen mit Tariftreue.
  • Förderung der Mitbestimmungsstrukturen, z. B. bei der Gründung von Betriebsräten in den Vereinen.
  • Verzicht auf prekäre Beschäftigung von Mitarbeiter*innen bei Vereinen und Verbänden.

Kooperationen

Unser Ziel:

Kooperationen, insbesondere internationale, werden nur dann eingegangen, wenn die Partner*innen Menschenrechte und allgemeingültige ethische Normen einhalten.

Wir empfehlen folgende Maßnahmen:

  • Vereine und Verbände bekennen sich verbindlich zu den Menschenrechten z. B. durch eine Verankerung in den Verbandssatzungen und in den Vereinssatzungen bzw. in den Lizenzierungsbedinungen für die Vereine. Wir empfehlen dabei die Berücksichtigung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte.
  • Einrichtung einer externen unabhängigen Ombudsstelle, um wirksam gegen Verstöße vorgehen zu können.

Jugendspieler*innen

Unser Ziele:

  • Die Vereine und Verbände sind sich ihrer sozialen Verantwortung bei der Ausbildung von Jugendspieler*innen bewusst.
  • Sie fördern die soziale Kompetenz der Jugendspieler*innen vor allem auch hinsichtlich eines Lebens außerhalb des Profifußballs.

Wir empfehlen folgende Maßnahmen:

  • Kooperation mit Vereinen aus dem Umland, statt Spieler*innen in jungen Jahren abzuwerben.
  • Integration des Konzeptes Bildung für eine nachhaltige Entwicklung in die Ausbildung von Jugendspieler*innen.
  • Verpflichtung der Vereine, Nachwuchskicker*innen auf ein Erwerbsleben jenseits des Profifußballs vorzubereiten; bspw. durch eine zweigleisige Ausbildung.

Die vollständige Ausarbeitung dieses Konzeptes steht als PDF zum Download bereit: